POETEN ZUM THEMA GARTEN
Am Anfang jeder Gartengestaltung steht die Inspiration. Der Ort, seine Geschichte und die umgebende
Landschaft können Quellen für Ideen sein. Oft aber sind es Gemälde oder literarische Beschreibungen,
die unsere Wunschbilder erzeugen. Einen Garten zu planen bedeutet immer auch, einen Traum wahr werden
zu lassen. Daher lassen Sie sich inspirieren von jenen, die am besten ausdrücken können, wovon wir träumen.
Lassen Sie sich entführen …
…bis in die letzten Nuancen und Feinheiten. (Proust)
Begleiten Sie uns …
… durch die leise abfallenden Rasenflächen des Parks. (Woolf)
Und glauben Sie nicht immer…
… an der Lilie Keuschheit. (Heine)
Stellen Sie sich solch einen Ort vor: …
…An den Bäumen hingen gläserne Glöckchen. (Cechov)
Auch draußen schienen die Dinge in stummem Harren wie gebannt zu stehen,
um nicht den Mondschein zu stören, der alle Einzelheiten vergrößerte und entrückte,
indem er vor ihnen ihren Schatten ausbreitete, der dichter und massiver als sie selber war
und dadurch die Landschaft gleichzeitig flacher und weiter erscheinen ließ, etwa wie einen Plan,
der, vorher zusammengelegt, nun entfaltet wird. Was sich rühren musste, rührte sich,
so das Laub des Kastanienbaumes. Aber sein bis ins einzelne gehendes, alles erfassendes,
bis in die letzten Nuancen und Feinheiten durchgeführtes Erschauern teilte
sich anderen Dingen nicht mit, sondern blieb völlig auf ihn beschränkt. …
[aus „In Swanns Welt“ von Marcel Proust]
Meisterlich, schnell, fuhr sie über die geschwungene Auffahrt zwischen den Ulmen und Eichen
durch die leise abfallenden Rasenflächen des Parks, deren Fall so sanft war, dass sie, wären
sie Wasser gewesen, den Strand mit einer glatten, grünen Flut überzogen hätten. Hier gepflanzt
und in feierlichen Gruppen waren Buchen und Eichen. Die Hirsche schritten zwischen ihnen,
einer weiß wie Schnee, der andere den Kopf zur Seite geneigt; denn ein Stück Drahtzaun hatte
sich in seinem Geweih verfangen. All dies, Bäume, Hirsche und Rasen, sah sie mit größter
Befriedigung, als wäre ihr Geist etwas Flüssiges geworden, das um die Dinge herumfloß
und sie völlig umschloß. Im nächsten Augenblick hielt sie auf dem Hof, wo sie, so viele
hundert Jahre lang, angekommen war …
[aus „Orlando“ von Virginia Woolf]
Entartung
Hat die Natur sich auch verschlechtert, und nimmt sie Menschenfehler an?
Mich dünkt, die Pflanzen und die Tiere, sie lügen jetzt wie jedermann.
Ich glaub nicht an der Lilie Keuschheit, es buhlt mit ihr der bunte Geck,
Der Schmetterling; er küßt und flattert am End' mit ihrer Unschuld weg.
Von der Bescheidenheit der Veilchen halt ich nicht viel. Die kleine Blum',
Mit den koketten Düften lockt sie, und heimlich dürstet sie nach Ruhm.
Ich zweifle auch, ob sie empfindet, die Nachtigall, das, was sie singt;
Sie übertreibt und schluchzt und trillert nur aus Routine, wie mich dünkt.
Die Wahrheit schwindet von der Erde, auch mit der Treu' ist es vorbei.
Die Hunde wedeln noch und stinken wie sonst, doch sind sie nicht mehr treu.
[aus Heinrich Heine, Gesammelte Gedichte und Verse]

Also hör' zu, begann er, die Augen zur Decke hebend.
In einem gewissen Königreiche lebte einmal ein alter, uralter König mit einem langen grauen
Bart und ... einem so langen Schnurrbart. Er lebte also in einem gläsernen Schlosse, das in der
Sonne wie ein großes Stück Eis glänzte und funkelte. Das Schloß aber, mein Lieber, stand in einem
riesengroßen Garten, und im Garten wuchsen, weißt du, Apfelsinen, Bergamottbirnen ... Kirschen ...
blühten Tulpen, Rosen, Maiglöckchen und sangen bunte Vögel ... Ja ... An den Bäumen hingen gläserne
Glöckchen, die im Winde so wunderbar tönten, daß es eine Wonne war, zuzuhören ... Glas klingt
nämlich viel sanfter und zarter als Metall ... Nun, und was gab's da noch? Im Garten sprangen
Fontänen ... Weißt du noch? du hast auf dem Lande bei Tante Sonja eine Fontäne gesehen? Also solche
Fontänen sprangen im Garten des Königs, aber sie waren noch viel größer, und die Wasserstrahlen
reichten bis zu den Wipfeln der höchsten Pappeln hinauf.
[Anton Cechov, „Von Frauen und Kindern“]